Novemberpogrome

Genau vor 80 Jahren war die Pogromnacht in Deutschland

Heute gedenkt ganz Deutschland der Pogrome des 9. und 10. November 1938. Die Ausschreitungen gegen die Juden beschäftigen Historiker bis heute. Insbesondere aber geben sie dazu Anlass, sich kritisch mit der gegenwärtigen Politik zu beschäftigen und negative Entwicklungen zu verfolgen. Doch wie werden diese Ereignisse heute politisch thematisiert?

Auftakt der Gewalt

Die Geschehnisse des 9. November waren der Auftakt der systematischen Judenverfolgung in Deutschland unter dem NS-Regime. Das Attentat auf den Sekretär des deutschen Botschafters vom Rath als Anlass genommen, organisierte die SA eine landesweite Aktion des „Volkszorns“. In zivil gekleidet hetzten Parteimitglieder die Bevölkerung auf und stifteten zur Gewalt gegen Juden an. Über 400 Menschen starben, zahlreiche jüdische Einrichtungen – insbesondere Synagogen – wurden in Brand gesteckt, in der Nacht auf den 10. November begann die großangelegte Verwüstung und Plünderung jüdischer Geschäfte, SS-Mitglieder misshandelten gefangengenommene Juden und führten sie der Menge vor, später wurden sie zumeist in einem nahegelegenen KZ inhaftiert. Die meisten von ihnen starben dort.

Offiziell verkündete die Partei, dass sie diese Aktionen nicht organisiere, das Volk aber auch nicht daran hindere diese durchzuführen. So konnte sie sich zugleich als Wahrer der Interessen des Volkes inszenieren und das Volk als antijüdisch darstellen. Tatsächlich wurden die Ausschreitungen allerdings von lokalen SA- oder SS-Mitgliedern organisiert, meist auf Befehl höherer Instanzen.
Diese hatten die Pogrome bereits von langer Hand geplant. Reichspropagandaminister Goebbels hatte eigentlich beabsichtigt, ein Attentat auf einen Parteifunktionär im Februar 1936 als Anlass für antijüdische Aktionen zu nehmen. Das wurde ihm aber von der NS-Führung wegen der anstehenden olympischen Spiele, bei denen das Land einen positiven Eindruck bei der Völkerschaft hinterlassen wollte, untersagt. Ebenfalls Beweis für die lang angelegte Vorbereitung der Aktionen ist, dass die Nationalsozialisten die drei größten KZs Dachau, Sachsenhausen und Buchenwald ab etwa Oktober 1938 massiv ausbauten. Ebenso Indiz dafür ist, dass jüdische Geschäfte besonders gekennzeichnet werden mussten, um in der Reichspogromnacht die Identifikation jener zu erleichtern. Zudem dienten die Pogrome in erster Linie einer Beschleunigung der Arisierung. Diese war notwendig, um die bereits zu diesem Zeitpunkt milliardenschweren Schulden des Reiches mit ehemals jüdischem Vermögen zu tilgen. Deshalb waren verstärkt vermögende Juden von den Aktionen betroffen. Dazu aus einem Blitzschreiben der Gestapo-Abteilung für Regimegegner:

„Es ist vorzubereiten die Festnahme von etwa 20-30.000 Juden im Reiche. Es sind auszuwählen vor allem vermögende Juden. Nähere Anordnungen ergehen noch im Laufe dieser Nacht.“

Allem voran waren die Pogrome jedoch Vorspiel der systematischen zunächst deutschlandweiten dann weltweiten systematischen, grausamen Judenverfolgung. Viele europäische Nationen verweigerten den Juden allerdings eine umfassende Hilfe.

Was sind die Lehren dieser Zeit?

Hier sind, wohl wahr, Parallelen zur derzeitigen Situation zu erkennen.
Mancher wird es als Anlass nehmen, um der AfD Nähe zum Nationalsozialismus vorzuwerfen und warnt vor einer Wiederholung der Geschehnisse. Ein anderer zieht die Parallele zu Ungarn, den von Donald Trump regierten Vereinigten Staaten oder womöglich zu Recep Tayyip Erdogan. Es ist in der Tat nicht falsch irgendeinen dieser Staaten oder eine dieser Personen beziehungsweise ihre Politik mit der im Dritten Reich zu vergleichen und mögliche Parallelen zu ziehen, um die Wiederholung dieser Ereignisse zu vermeiden. Und in der Tat ist das gefährlichste überhaupt nicht der offene Kampf, keine offen antisemitische, rechtsextreme oder radikal nationale, nationalchauvinistische Partei. Die Gefahr liegt bei dem, was wir nicht merken, dem langsamen Wandel, der sukzessiven Übernahme extremer Positionen, ohne dass im richtigen Moment die Grenze gezogen wird.

Es ist allerdings unprofessionell allen, die nur frei verfassungskonforme und durchweg begründete Bedenken an der Flüchtlingspolitik äußern, seien sie von der AfD oder nicht, unvermittelt Geschichtsvergessen vorzuwerfen. Zumal eine Parallele von der derzeitigen Flüchtlingspolitik Ungarns, Polens oder auch Deutschlands, das das Fernhalten der Migranten bloß an Anrainerstaaten oder Staaten mit Eu-Außengrenze delegiert, nicht zum NS-Deutschland, sondern zu seinen Nachbarn gezogen werden müsste. Die nämlich bemühten sich sehr darum, unter keinen Umständen eine zu große Anzahl an Juden aufnehmen zu müssen.

Und wieder kommt man zur Ursache, entweder zum Judenhass in Deutschland oder wenn man dabei ist mit der Gegenwart zu vergleichen zur Verfolgung von Kurden in der Türkei oder dem Bruderkrieg zwischen Sunniten und Schiiten. Und auch diese wiederum sind nicht das Problem für sich genommen, sondern meist Folge von Armut, über Generationen weitergegebenen Feindschaften oder einer Auflösung der Gesellschaft.

Wenn man sich das vor Augen führt fällt einem erst auf, wo die Parallele wirklich zu finden ist. So wie die Armut infolge der Weltwirtschaftskrise 1923 und ihre Folgen die deutsche Bevölkerung in die Verzweiflung und im Anschluss daran zu extremem Lösungen wie der KPD oder der NSDAP trieben, so fallen junge Menschen in Nigeria der Boko Haram oder im Nahen Osten dem Islamischen Staat anheim. So wie der Jude in Europa nach jahrundertelanger Tradition als gierig und böse galt und er im Mittelalter wie auch im Dritten Reich ideal als Sündenbock genutzt werden konnte, so beruht die Feindschaft zwischen Sunniten und Schiiten, die in gebildeten Kreisen längst überwunden wurde, auf einem unbedeutenden Erbstreit zweier Männer, Ali und Abu Bakr, die um Mohammeds Erbe kämpften. Beides liegt Jahrhunderte zurück und wurde ebenso lange nie von der Mehrheit der Menschen hinterfragt.

Wie immer kommt man zur allseits bekannten Formel für zielgerichtete, effektive Problembekämpfung: Nicht die Symptome, sondern die Ursache muss man bekämpfen. Nichts desto weniger sollte man selbstverständlich immer auch ein Auge auf extremistische Tendenzen in der Entwicklung unserer Gesellschaft haben, insbesondere dann wenn diese Entwicklung schleichend und unbemerkt voranschreitet.

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