Korea und seine Sex-Skandale – wieso?

Südkorea: Ein verdammt modernes Land, möchte man meinen. In vielerlei Hinsicht stimmt das auch. Die Südkoreaner leben in einer Demokratie – in Asien nicht selbstverständlich -, verfügen über das schnellste Internet der Welt und beheimaten Weltkonzerne wie Samsung, LG und Hyundai, die sich teilweise Weltmarktführer nennen dürfen. Doch wie passt das mit dem tief verwurzelten Konservatismus zusammen und befeuert dieser womöglich sogar die nicht ablassenden Sex-Skandale, die das Land überschatten?

Upskirting, Nth Room & Co.

Egal ob ältere Skandale, wie das “Upskirting” (beschreibt das heimliche Fotografieren unter Frauenröcke) oder neue Phänomene, wie der “Nth Room” (kor. N번 방). Sie erschüttern immer wieder das Vertrauen in das eigentlich so friedliche und sichere Korea. Während dem Upskirting schnell ein Ende gesetzt werden konnte, indem die Lautlos-Funktion in den Kamera-Anwendungen entfernt wurde, könnte eine Lösung gegen Cyber-Missbrauch länger auf sich warten lassen. 

Der „Nth Room“ war ein Telegram-Chatroom, in dem vorwiegend junge Männer ihr Unwesen trieben. Die jüngsten von ihnen waren gerade einmal Anfang 20. Über zwei Jahre hinweg, wurden junge Frauen dazu gezwungen, sich – wortwörtlich – zu versklaven. Diese haben sich zuvor von gefälschten Anmeldeseiten täuschen lassen, auf der sie ahnungslos ihre Benutzernamen und Passwörter mit ihren Peinigern teilten. Die Menschen hinter „Nth Room“ hatten nun Zugriff auf ihre Bilder, Nachrichten und vieles mehr. Sie drohten den jungen Frauen damit, sensible Informationen zu veröffentlichen, sollten sich diese den Dingen widersetzen, die die Männer von ihnen einforderten. In harmloseren Fällen, waren das einfache Nacktbilder, doch dabei blieb es nicht immer. Teilweise mussten die jungen Frauen verstörende Videos aufnehmen, in denen sie ihre Genitalien selbst verstümmelten. Alles Material wurde später über den „Nth Room“ auf Telegram verkauft.

Unter den Mitgliedern dieses Chatrooms sollen sich auch Prominente befunden haben. Zweifelsfrei belegt ist das jedoch nicht. Öffentlich zur Schau gestellt wurde bislang nur der Hauptverdächtige in diesem Fall. Dabei handelt es sich um einen 24-jährigen Südkoreaner, der zuvor noch nie auffällig geworden ist. Bei seiner Festnahme erklärte er höchstpersönlich: „Danke, dass Sie das Leben eines Teufels ausgebremst haben, der nicht aufzuhalten war.“

Wie werden aus Menschen Monster?

Könnte diese widerliche Ausartung sexuellen Verlangens etwa Ergebnis des in Korea tief verwurzelten Konservatismus sein, der die Menschen in eine Art sexuellen Käfig sperrt? Dass diese Theorie nicht abwegig ist, untermauern folgende Fakten:

Korea ist das letzte OECD-Land, in dem Pornografie noch illegal ist. Wer versucht, Portale wie etwa Pornhub zu besuchen, landet stattdessen leider auf der Seite der Polizei, die eindringlich darauf hinweist, dass soeben versucht wurde, eine illegale Internetseite zu besuchen. Als wollte man versuchen, ins Darkweb zu gelangen.

Davon abgesehen, sieht es auch im realen Leben nicht viel besser aus. Für die koreanische Gesellschaft ist Liebe in der Öffentlichkeit ein Tabuthema. Selbst ein kurzer Kuss kann dort schon den ein oder anderen provozieren. Auch wenn koreanische Serien häufig auf etwas anderes schließen lassen, ist das die bittere Realität. Zwar scheint sich diese Sichtweise in der jungen Generation nicht mehr wirklich durchzusetzen, trotzdem ist sie in der älteren Generation nach wie vor präsent, und diese Generation hat in Korea höchstes Ansehen und meistens auch das Sagen.

Zudem ist es in Korea fast schon an der Tagesordnung, über vermeintliche Sex-Skandale zu diskutieren, die im Westen niemals Skandale wären. „Ist Schauspielerin XY nicht etwas zu freizügig in ihrem neuen Film?“ Diese ständigen, meist absichtlich negativ gesteuerten Diskussionen verunsichern junge Menschen zusätzlich.

Eigene Wahrnehmung

Ich hatte das Glück, mir einen Monat lang ein Bild meines Lieblingslandes, Südkorea, zu machen. Ja, Lieblingsland! Auch wenn diese Skandale erschreckend und alarmierend sind, gibt es unzählige Seiten an Korea, die mich unfassbar fasziniert haben, und auch der Konservatismus bringt nicht nur Schlechtes mit sich, was ich an dieser Stelle noch einmal betonen möchte. Ich habe die Koreaner als ein sehr respektvolles Volk erlebt, das insbesondere gegenüber Ausländern sehr zuvorkommend und freundlich ist. Dass es auch „schwarze Schafe“ gibt, ist Tatsache. Wie übrigens überall. Ich finde jedoch, dass in Südkorea ziemlich schnell deutlich wird, woran das liegen könnte:

Tag 1 in meiner Gastfamilie: Als ich mitten in der Nacht dort ankam, fand ich ein Blatt Papier auf meinem Schreibtisch vor. Es waren die Hausregeln. Verboten ist es, sich gemeinsam als Mann und Frau nach Einbruch der Dunkelheit im Zimmer aufzuhalten, es sei denn man ist verheiratet. „This is a very strict rule here!“

Tag 4 in der Nachbarschaft: Ich ging abends spazieren. Es war ca. 21 Uhr und unter der Woche, aber die Menschen schienen den Abend ausgelassen zu genießen und noch nicht an den morgigen Tag zu denken (Wie ich das vermisse …). Ein wenig abseits sah ich einige sehr junge Paare, die es sich unter Baumkronen auf einer Bank gemütlich gemacht hatten und sich zärtlich küssten. Nanu?

Tag 6 in Hongdae: Ich war in Seouls angesagtestem Studentenviertel unterwegs. Zum ersten Mal sah ich auch relativ viele Menschen aus dem Westen. Die Stimmung war gut, K-Pop dröhnte aus den Cafés und Klamottenläden, in der Fußgängerpassage tanzten Studenten sich die Seele aus dem Leib. Ein ganz schöner Kontrast. Hongdae wurde wenig später zu meinem Lieblingsstadtteil. 

Tag 15, Halbzeit: Mit Freunden werde ich das erste Mal in Korea feiern gehen. Selbstverständlich in Hongdae. Ich war sehr gespannt, stellte aber wenig später fest: Es gibt keinen Unterschied zum Clubleben in Deutschland, außer dass die Leute hier nicht aggressiv auftreten und prollige Parolen durch die Gegend brüllen (Wie ich das in Deutschland hasse …). Blonde Mädchen waren trotzdem hoch im Kurs und meine Begleitung kam von Gespräch zu Gespräch, von Drink zu Drink und bekam letztendlich ein Angebot für eine Nacht im Hotel. Das ist koreanisch für „Ich will Sex mit dir“. Ich war etwas verblüfft. War ich noch in dem gleichen Land, in dem ich vor wenigen Tagen darauf hingewiesen worden war, dass mir weibliche Gäste strengstens untersagt sind?

Auf dem Weg der Besserung?

Der Altersdurchschnitt der Angeklagten im Falle des “Nth Room” macht skeptisch. Warum sind Menschen, die Zugang zu Szenen wie in Hongdae haben, zu so etwas fähig? Spielt der (arg konservative) familiäre Hintergrund eine Rolle? Gut möglich. Oder ist diese Theorie des sexuellen Käfigs vielleicht doch von vorne bis hinten löchrig? Wir dürfen gespannt sein, wie sich die Lage in den kommenden Jahren entwickelt und welche Gesetzesänderungen kommen werden.

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