Einfach mal hinterfragen

Kaum jemand scheint sich darüber im Klaren zu sein, was es mit sozialem Aufstieg tatsächlich auf sich hat.

Die Bezeichnung „sozialer Aufstieg“ wird sehr häufig verwendet. In beinahe allen Fällen geschieht dies zu Unrecht, denn im Verwendungskontext geht es so gut wie nie um das Herauskommen aus der vermeintlichen Asozialität. Daher braucht es eine begriffspolitische Wende. Das setzt allerdings einen Reflexionsprozess voraus, der noch nicht wirklich im Gange ist.

Besser werden – aber worin?

Es liegt schon viele Jahre zurück. Ich saß mit meiner Mutter am Abendbrottisch. Damals war sie schon einige Zeit lang arbeitslos. Das frustriert ganz schön. Nicht nur sie. Und dann ist da auch noch dieser neugierige Junge, der sie in dieser eh schon angespannten Situation fragt: „Denkst du, es wird mir mal besser gehen als dir?“ Sie starrte mich einen Moment an. In der rechten Hand das Brotmesser, in der linken die Stulle. (..) „Was meinst du?“, fragte sie. Ob es mir in „sozialer Hinsicht“ denn mal besser gehen werde, wollte ich wissen. Sie verneinte und schmunzelte. Meine Nervosität wich der Irritation. Ich wäre doch ein gut erzogener Junge, erklärte sie (…) und ich wusste sofort, was sie meinte.

„Ererbte Chancen. Was entscheidet über den sozialen Aufstieg?“ (1), „Studie. Sozialer Aufstieg hängt von der Familie ab“ (2), „Sozialer Aufstieg darf kein Glücksspiel bleiben“ (3), „Sozialer Aufstieg. Der harte Weg nach oben“ (4). So titelten in der Vergangenheit einige Medien. Die Liste könnte noch fortgesetzt werden. Was jedenfalls alle Titelüberschriften gemeinsam haben: Sie sprechen von sozialem Aufstieg, schildern und kritisieren aber einen gänzlich anderen Sachverhalt.

Sozialer Aufstieg – worum es geht und worum es nicht geht

Zwischenmenschliche Beziehungen sind eine notwendige Voraussetzung dafür, um aus Menschen soziale Lebewesen zu machen. Nur durch einen Prozess des wechselseitigen Lernens erschließt sich uns zum Beispiel die Bedeutung von Kooperations- und Konfliktlösungsstrategien. Wer sich durch soziales Verhalten auszeichnet, ist „menschenfreundlich-gemeinnützig geprägt“ (5). Man könnte auch sagen: Sozial ist, wer gesellschaftsfähig ist. Sozialer Aufstieg würde nun richtigerweise die Verbesserung des Sozialverhaltens als Resultat einer qualitativen Steigerung der Interaktionen meinen.

Wenn Medien und Wissenschaft von sozialem Aufstieg reden/schreiben, meinen sie, etwas zugespitzt formuliert, eines ganz sicher nicht: die Befreiung aus der Asozialität. Sie betonen Chancengerechtigkeit. Man solle es zudem in ökonomischer Hinsicht mal besser haben als die Eltern, um vor allem die materielle Qualität der Lebensbedingungen zu erhöhen. Das ist in etwa der Tenor – ziemlich schief klingend. Mit sozialem Aufstieg hat das (erstmal) nichts zu tun. Gleichwohl kann man sich fragen, ob ein größerer finanzieller Spielraum, und alles, was damit noch einhergehen mag, die soziale Ader wachsen lässt. Das ist nochmal ein anderes Thema.

Für eine andere Begriffspolitik

Angemessener wäre es, von der Überwindung der „List des Determinismus“ (6) zu sprechen. Es gilt, jene sozialen Kräfte (individuell) auszuhebeln, die dafür sorgen, dass Menschen in der „objektiven Hierarchie der Lebensbedingungen“ (7) unten gehalten werden. Das heißt nichts anderes, als sich den Weg nach oben freikämpfen zu müssen. Nicht beugen lassen. Nicht als Verlierer abstempeln lassen. Niemals aufgeben. Das Motto muss lauten: Widersetze dich der „Gewalt der sozialen Welt“! (8). Vor diesem Hintergrund geht es eben ausdrücklich nicht um sozialen Aufstieg. Dem begriffspolitischen Griff ins Klo sind sich in diesem Zusammenhang aber scheinbar viele nicht bewusst. Über die Gründe dafür lässt sich spekulieren.

Hinterfragen schadet nicht

Ein Begriff hat sich durchgesetzt. Und ja, auch ich habe ihn schon häufig benutzt, obwohl es unangebracht war. „Sozialer Aufstieg“ ist nun mal zu einer Art semantischen Institution, also einer etablierten Begrifflichkeit, im Medien- und Wissenschaftsbetrieb geworden. Es geht gar nicht so sehr darum, sie wieder aus dem kollektiven Wortschatz zu verbannen. Die Sinnhaftigkeit ihrer Verwendung sollte aber mal reflektiert werden. Das geschieht nämlich so gut wie gar nicht. Eine begriffspolitische Wende wird damit verhindert.

Die Legitimität von Institutionen kann man anzweifeln, indem man sie kritisch hinterfragt. Warum also wird ein Begriffskonstrukt wie das des sozialen Aufstiegs verwendet, um etwas vollkommen anderes zu thematisieren? Wie konnte es dazu kommen? Durch Denkfaulheit, Gleichgültigkeit, Vorurteile (9) oder die Annahme, die Leute werden schon wissen, was gemeint ist. Tragisch, wenn alle vier Punkte zusammenkommen und (un-)absichtlich die Vorstellung von einem besseren Leben verfestigen, das nur zu erreichen sei, wer das soziale Umfeld und die finanzielle Armut überwinde.

Aufstieg innerhalb der objektiven Hierarchie der Lebensbedingungen

Zweifelsohne wird soziale Ungleichheit thematisiert – mangelnde Chancengerechtigkeit im Bildungssystem und Hartz IV sind nur zwei Themen. Aber stets von sozialem Auf- oder Abstieg zu reden, erfasst das Grundproblem nicht (ausreichend). Armut betrifft verschiedene Ebenen des Lebens, auch die soziale. Aber einen Bildungsaufstieg oder einen finanziellen Aufstieg automatisch als einen sozialen zu deuten, ist unsinnig.

Bezeichnen wir den Vorgang doch als das, was er ist: Die Überwindung der List des Determinismus oder ein Aufstieg innerhalb der objektiven Hierarchie der Lebensbedingungen. Klingt zwar nicht mehr so simpel wie sozialer Aufstieg, kommt der Thematisierung des eigentlichen Phänomens aber am nähesten. Und wenn sich eine dieser Bezeichnungen möglicherweise als semantische Institution etabliert hat, weiß auch jeder, was damit gemeint ist. Und wir können zudem aufhören, sozialen Aufstieg und Armut implizit mit (dem Herauskommen aus der) Asozialität zu verknüpfen.

Quellen:

(1) www.br.de/radio

(2) www.zeit.de

(3) www.deutschlandfunkkultur.de

(4) www.cicero.de

(5) Karl-Heinz Hillmann: Wörterbuch der Soziologie. 5., vollständig überarbeitete und erweiterte Aufl., Stuttgart: Alfred Kröner Verlag, 2007, p. 808f.

(6, 8) Didier Eribon: Gesellschaft als Urteil. (Aus dem Französischen von Tobias Haberkorn). Berlin: Suhrkamp Verlag, 2017, p. 131-147 & 147.

(7) Didier Eribon: Grundlagen eines kritischen Denkens (Aus dem Französischen von Oliver Precht). Wien: Verlag Turia + Kant, 2018, p. 22.

(9) Vorurteile spielen sicherlich keine unwesentliche Rolle. Dafür muss man sich nur mal entsprechende Unterschichtendebatten anschauen. Sie zeichnen sich durch eine Stereotypisierung sondergleichen aus. Da ist dann relativ schnell die Rede von faulen Arbeitslosen, die Geld für das Nichtstun bekämen und dieses auch noch für Zigaretten und Alkohol ausgeben würden. Und an Bildung hätten sie schon mal gar kein Interesse (vgl. Butterwegge 2016: 228-237). Kurzum: Man war (und ist?) zum Teil der Auffassung, bei Menschen aus dem unteren Drittel der Gesellschaft handele es sich um Asoziale, die erst noch erzogen werden müssen, damit ein Aufstieg in ökonomischer Hinsicht überhaupt möglich sei.

Christoph Butterwegge: Armut in einem reichen Land. Wie das Problem verharmlost und verdrängt wird. 4., aktualisierte Aufl., Frankfurt a.M./New York: Campus Verlag, 2016, p. 228-237.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.